«Anna? Warum kann ich so gut sehen?» – Zwischen Präzision und Vertrauen nach schwerer Keratitis
Dieser Fall zeigt exemplarisch, was individuelle Kontaktlinsenanpassung leisten kann.
Es gibt diese Momente in der Kontaktlinsenanpassung, die bleiben: „Anna? Warum kann ich so gut sehen?“ Gesagt von einem 29 jährigen Mann, der fast ein Jahr zuvor auf seinem linken Auge kaum mehr als Hell-Dunkel wahrnehmen konnte. Gesagt nach dem ersten Einsetzen einer Messlinse.
Ein individueller Kontaktlinsen-Case nach schwerer Keratitis – zwischen Präzision und Vertrauen
Ausgangssituation: Schwere Keratitis, viel Unsicherheit
Der Kunde erlitt während eines Afrika-Aufenthalts eine schwere bakterielle Keratitis, ausgelöst durch ein Pseudomonas-Bakterium unter einer weichen Kontaktlinse. Die Folge:
- stationärer Krankenhausaufenthalt
- massiv eingetrübte Hornhaut
- initial nahezu kein nutzbarer Visus
- langfristige augenärztliche Therapie
Auch rund zehn bis zwölf Monate nach dem akuten Ereignis zeigte die Hornhaut:
- residuale Trübungen
- persistierende Quellung, vor allem temporal
- eine noch nicht vollständig stabile Situation
Der Kunde wurde weiterhin augenärztlich begleitet und tropfte regelmässig. Aktuell erfolgt die Therapie unter anderem mit Ikervis, um die entzündliche Situation nachhaltig zu stabilisieren. Gleichzeitig ist der Heilungsprozess noch nicht abgeschlossen. Ob sich langfristig eine dauerhafte Hornhautnarbe ausbilden wird, lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht final beurteilen. Vor allem aber hatte er eines: Angst. Angst, das Auge weiter zu schädigen – und Angst vor einer erneuten Enttäuschung.
Diagnostische Einordnung und IST-Zustand
Die topographischen Befunde zeigten am betroffenen linken Auge:- deutliche Irregularitäten im tangentialen Krümmungsverlauf
- eine zentrale Zone mit bereits zunehmender Klarheit
- periphere Asymmetrien, die eine Standardgeometrie erschwerten
Der Ausgangsvisus lag bei etwa 0,3, mit Lochblende erreichbar.
Topographie links
Die Topographie zeigt eine deutlich irreguläre Hornhaut mit ausgeprägten asymmetrischen Krümmungsverläufen bei postentzündlicher Veränderung. Zentral findet sich eine leicht regelhaftere Zone, während peripher inhomogene Steilungen und Abflachungen die Anpassung deutlich erschweren.
Linkes Auge Ausgangssituation
Deutlich eingetrübte Hornhaut mit residualen stromalen Infiltraten und zentraler Aufhellungszone. Irreguläre Struktur mit inhomogener Transparenz, peripher verstärkt ausgeprägte Trübungen und Hinweise auf persistierende Gewebeveränderung nach schwerer Keratitis.
Linkes Auge 6 Monate später
Zentrale Hornhaut zeigt beginnende Klarheit mit umgebender diffuser Trübung und unruhiger Gewebestruktur. Die inhomogene Lichtstreuung verdeutlicht die weiterhin bestehende irreguläre Oberfläche bei gleichzeitig fortschreitender Regeneration.
Versorgungskonzept: Formstabil Corneal
Rechtes Auge
Einstärken formstabile Standardlinse. Ziel:
- stabile, physiologische Referenz
- Reduktion von Komplexität und Stress
- gleichmässige zentrale Auflage
- ruhige Zentrierung
- harmonischer peripherer Abheberaum
- keinerlei Hinweise auf mechanische Belastung
Linkes Auge
Individuell berechnete Keratokonuslinse angepasst an die postentzündlich veränderte Hornhaut. Ziel:
- Ausgleich der Irregularitäten
- Schonung des empfindlichen Gewebes
- Verbesserung der optischen Abbildung
Workflow: Schritt für Schritt statt Aktionismus
Die Anpassung erfolgte strukturiert:
- topographische Analyse
- Entscheidung für ein individuelles Design links
- Übermittlung der Daten an den Appenzeller Professional Service
- Anpassung mit Diagnoselinse
- bewusst verzögerter Visus-Check
- Raum geben, Eintragen lassen, beobachten
«Ich wollte, dass er erstmal ankommt – körperlich und emotional» , beschreibt Anna Reichow diesen Moment. Erst nach mehreren Stunden Tragezeit wurde der Visus überprüft.
Das Ergebnis:
- 0,8 Visus am linken Auge
- Tragezeiten von 5–7 Stunden problemlos
- subjektiv deutlich höhere Sicherheit
Der Visus konnte damit von einer reinen Hell-Dunkel-Wahrnehmung («LUX») auf 0,8 gesteigert werden – ein Fortschritt, der den Alltag des Patienten fundamental verändert. Parallel zeigt sich klinisch weiterhin eine fortschreitende Abheilung, sodass sich die Hornhautsituation auch künftig noch verändern kann.
Pflege & interdisziplinäre Einbindung
Die Pflege erfolgt über:
- Peroxidsystem
- alkoholischen Reiniger
Die Anpassung ist eng mit dem behandelnden Augenarzt abgestimmt. Als integraler Bestandteil des Therapiekonzepts werden bewusst Tragepausen eingelegt.
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Was wir aus diesem Fall mitnehmen können
«Ich bin noch keine klassische Kontaktlinsen-Spezialistin – aber ich sage selten Nein.»
Anpasserin dieses Falls ist Anna Reichow, Augenoptikermeisterin, seit Ende 2024 selbstständig. Sie beschreibt sich selbst nicht als klassische Spezialistin – und genau das macht diesen Case so authentisch:
«Ich komme nicht aus einem Betrieb, der extrem auf Kontaktlinse spezialisiert war. Aber ich habe auch nie Nein gesagt. Ich nehme Herausforderungen an: Hand in Hand mit dem Hersteller, strukturiert und mit Respekt vor dem Fall.»
Die Entscheidung gegen eine komplexere Versorgung (z. B. Sklerallinse) war bewusst: weil die Hornhaut noch Regenerationspotenzial zeigte,, weil der Patient emotional Zeit brauchte, weil eine formstabile Linse bereits den gewünschten Erfolg brachte.
«Weniger Komplexität ist einfach der bessere Einstieg.»
Die Rolle von Appenzeller Kontaktlinsen AG
Für Anna Reichow war von Beginn an klar: Ein Hersteller. Ein klarer Workflow. Entscheidend waren:
schnelle Lieferzeiten, klare Kommunikation, Sicherheit in Design und Umsetzung, unkomplizierte Zusammenarbeit. «Gerade in solchen Fällen ist es wichtig, einen Partner zu haben, der Ruhe reinbringt und nicht noch mehr Unsicherheit.»
Fazit: Zwei Seiten einer Anpassung
Dieser Case zeigt eindrücklich: Erfolgreiche Kontaktlinsenanpassung hat immer zwei Ebenen. Die fachliche: Analyse, Geometrie, Material, Fluoreszeinbild, Visus. Die menschliche: Vertrauen, Geduld, Angst, Hoffnung. Am Ende steht dabei nicht nur ein klinisches Ergebnis, sondern vor allem eines: Die Rückkehr von Sehfähigkeit – und damit Lebensqualität. Denn entscheidend ist nicht nur der Visuswert. Sondern die Tatsache, dass der Patient heute wieder mehr als nur Hell und Dunkel wahrnimmt. Oder, wie er selbst sagt: «Anna? Warum kann ich so gut sehen?»